Die naturräumlichen Voraussetzungen für die Anlage von Haus Berge

Im Gegensatz zu den meisten ehemaligen und heute noch bestehenden heimischen Rittersitzen wie zum Beispiel Burg Lüttinghoff im Norden des Stadtgebietes von Gelsenkirchen, entstand das heutige Schloss Berge nicht an einem entwickelten fließenden Gewässer, sondern mitten im Quellgebiet eines recht unbedeutenden rechten Nebenbachs der Emscher südlich des Buerschen Berges, der in unserem Stadtgebiet die Wasserscheide zwischen Lippe und Emscher bildet.


Geologisch gesehen ist oder besser gesagt war der sogenannte Berger Spring eine Überfallsquelle, da er an der Südseite von nach Norden einfallenden Schichten entspringt: Diese Schichten gehören zur Oberen Kreide, genauer gesagt zum Untersenon oder Santon. Das Untersenon zeichnet sich hier durch eine Wechsellagerung wasserdurchlässiger Sandschichten und klüftiger Sandsteinbänke mit wasserstauenden mergeligen Horizonten aus.

Nach Osten hin schließen sich denselben Bedingungen folgend in einer Höhenlage zwischen 70 und 80 Meter über dem Meere weitere Quellen an, so die Ortbeckquelle, das Börnchen, die Quelle an der Brauckstraße sowie die Knabenbachquelle in Resse. Während die sich aus diesen Quellen entwickelnden Bäche den Buerschen Berg zunächst in östlicher Richtung entwässern, um später als Leither Mühlenbach in südliche und dann in südwestliche Richtung umzuschlagen - der Knabenbach fließt nach Süden und wendet sich dann unter einem Winkel von annähernd 90 Grad nach Westen - , ist die Fließrichtung des Berger Baches nach Verlassen der Gräften gleich nach Westen gerichtet. Die geringe Entfernung zur Emscher, in die all diese Gewässer münden, lässt keine größere Bachentwicklung zu, und so ist es nicht verwunderlich, dass die meisten der alten Karten  unseres Gebietes, wenn sie Schloss Berge überhaupt verzeichnen, die hydrologischen Verhältnisse unberücksichtigt lassen.

 

Angesichts dieser hydrogeographischen Unzulänglichkeiten muss man sich fragen, welche Gründe wohl die späteren Herren von Berge bewogen haben mögen, bereits im 12. Jahrhundert ausgerechnet an dieser Stelle ein »festes Haus« zu errichten. Strategische Erwägungen kamen für die Anlage von Schloss Berge ganz sicher nicht in Frage. Es bleiben das Schutzbedürfnis und die Selbstversorgungsmöglichkeiten. Beginnen wir mit dem letzten: Die Waldungen des Südabfalls des Buerschen Berges und der nahe Emscherbruch boten mit ihrem Wildbestand eine sichere Nahrungsquelle. Mit einer Höhenlage von ca. 65 m befand man sich außerdem mit dem ausgewählten Standort außerhalb des Überschwemmungsbereichs der Emscher, eines typischen Niederungsflusses, und da im 12. Jahrhundert die Rodungsperiode als letzte der drei großen Siedlungsperioden des Mittelalters im vollen Gange war, konnten landwirtschaftlich nutzbare Flächen geschaffen werden. So entstand nördlich und westlich des heutigen Schlosses die sogenannte Baut, die dem Anbau von Feldfrüchten dienende Fläche.

Wer in der Lage war zu roden, der konnte auch die von Natur aus ungünstigen Wasserverhältnisse verbessern: Um nicht zu sehr von den Schwankungen in der Schüttung des Berger Spring abhängig zu sein, wird man schon bald einen oder auch mehrere Teiche als Wasserreservoire angelegt haben. Diese Teiche konnten einmal für die Fischzucht genutzt werden, andererseits hatte man so viel Wasser zur Verfügung, dass unmittelbar am Ausfluss aus dem gesamten Grabensystem eine Kornmühle betrieben werden konnte und nur 400 m weiter westlich sogar eine zweite. Dem Schutzbedürfnis der Aufsitzer von Berge konnte mittels des künstlichen Grabensystems Rechnung getragen werden. Das System der Teiche und Gräften verdeutlicht der Lageplan. Das Herrenhaus, die ehemalige Hauptburg, liegt auf einer eigenen, quadratischen Insel von 40 m Seitenlänge und ist allseits von der Schlossgräfte umgeben. Die sich nördlich anschließenden Gebäude bildeten die Vorburg. Sie dienten der Landwirtschaft und waren ihrerseits durch einen Graben rings herum geschützt, der Stallgräfte (Teil der Außengräfte in der Skizze). Der heutige Schlossteich ist mindestens so alt wie es an seinem Ausfluss eine Mühle gab. Die Buten- oder Außengräfte existiert heute noch vollständig. Lediglich die Zwischen- oder Tuschengräfte wurde zugeschüttet, kurz nachdem die Stadt Buer das Schloss 1924 mit einem Gelände von rund 400 Morgen von dem letzten Besitzer, dem Reichsgrafen von Westerholt-Gysenberg, erworben hatte.

Dem Schutzbedürfnis der Aufsitzer kam sicherlich noch der hohe Grundwasserspiegel in früherer Zeit namentlich ostwärts des Schlosses entgegen. Die Bezeichnung »Eschenbruch« für das Waldstück zwischen der Außengräfte und der Cranger Straße deutet unmissverständlich darauf hin. Die Bezeichnung „Aschenbrock“ für dieses Wäldchen – verewigt in der Straßenbezeichnung Aschenbrockallee – leitet sich von der plattdeutschen Bezeichnung Eskenbrock ab und ist eine unglückliche Übertragung ins Hochdeutsche.

Zur Vervollständigung der hydrographischen Verhältnisse verfolgen wir das aus den Teichen und Gräften von Schloss Berge ausfließende Wasser weiter: Seit dem Jahre 1929 speist es den 12,5 Hektar großen Berger See, der seinerzeit im Zuge der Begradigung der früheren Gelsenkirchener Straße und heutigen Kurt-Schumacher-Straße aufgestaut wurde. Nur 600 m weiter westlich der dem See zum Opfer gefallenen zweiten Berger Kornmühle trieb der Berger Mühlenbach die dritte Mühle, die Lohmühle, die von der Gemeinde Buer zum Mahlen der zur Gerberei notwendigen Eichenrinde erbaut worden war. Von dieser Mühle aus, von der noch das Fachwerkhaus und der Mühlteich existieren, fließt der Bach als Lohmühlenbach in westlicher Richtung weiter, unterquert die Horster Straße und nimmt auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Hugo den Hammermühlenbach als rechten Nebenbach auf. Von hier ab tritt er ganz in den Dienst der Abwasser-Vorflut und nennt sich nunmehr Lanferbach. Als solcher unterquert er abermals die Horster Straße, umfließt östlich den Stadtteil Beckhausen und mündet im Bereich des Werksgeländes der Veba Öl AG mit zwei Mündungsarmen in die Emscher.

Obwohl das Gebiet um Schloss Berge durch Jahrhunderte hindurch sehr stark von Menschenhand beeinflusst worden ist, wurde es im Jahre 1935 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Schützenswert sind insbesondere



    Der Berger Spring bzw. der Quellgarten, obwohl die Quelle künstlich gespeist werden muss, insbesondere wegen der zahlreichen Findlinge, die man größtenteils aus der Berger Baut hier zusammengetragen hat und von denen die vier größten eingetragene Naturdenkmäler sind;
    der anschließende Märchengrund als kleines Wiesental;
    der ihn begleitende »Buchendom« mit rund 200 Jahre alten Bäumen, zu dessen Krautschicht die Rote Lichtnelke, das Große Springkraut und die hier eingebrachte Goldnessel gehören;
    der Nymphaea-Teich mit seinem Seerosenbestand, der mächtigen, die ganze Insel beherrschenden Platane sowie dem recht natürlichen Schilfgürtel mit dem auffallenden Rohrkolben, dem kleineren Igelkolben, der gelb blühenden Wasserschwertlilie und einigen Seggenarten;
    das gesamte Aschenbrockwäldchen wegen des Vorkommens des Großen Buntspechts, des Waldkauzes sowie des Aronstabes;
    der Französische und der Englische Garten wegen der prächtigen in- und ausländischen Bäume wie die beiden wohl 300 jährigen Eiben, die zwei Ginkgobäume, die Trompetenbäume, der Mammutbaum und die Sumpfzypresse;
    schließlich das gesamte Gräftensystem einschließlich des Schlossteichs mit der großen Fontäne und der Berger See wegen des Reichtums an Wasservögeln von der häufig vorkommenden Stockente über das schon altbekannte Schwanenpaar mit den alljährlichen Jungen, der tauchenden Reiherente, der Bläss- und Teichhühner, des gewandten Zwergtauchers, des prächtigen Haubentauchers, der seit Jahren im Schilfbestand des Berger Sees brütet.



Darüber hinaus konnten durch regelmäßige Begehungen über 40 brütende Vogelarten in dem Landschaftsschutzgebiet Schloss Berge registriert werden.

Aus dieser Schilderung wird deutlich, dass die einstmals naturräumlichen Voraussetzungen, die zur Anlage von Schloss Berge führten, heute alle Bedingungen für ein ideales Naherholungsgebiet erfüllen.

(Heinrich Ermeling)